19-06-2019

Aus dem Logbuch des Weichenwärters

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Bild: WORTSTELLWERK

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Bild: WORTSTELLWERK

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Der Weichenwärter, ein kostenloses Angebot für Schreibcoaching ohne Anmeldung war ein Pilotprojekt. Würde überhaupt jemand mit den eigenen Texten kommen und den Schreibprofi um Rat fragen – sofern das Angebot überhaupt schon ausreichend kundgetan werden konnte, seit der Eröffnung am 8. Februar?


ANDREAS NEESER, unser erster Weichenwärter, berichtet bei der Abschlussveranstaltung von seiner Amtszeit: „Man ist da und wartet auf Kundschaft.“ Aber, er habe nie vergebens gewartet, „es gab keinen Abend, an dem niemand erschienen ist.“ Die Ankömmlinge haben den Autor in vielerlei Hinsicht um Rat gefragt, sei es über seine Meinung zum selbstverfassten Gedicht, ihn um Verbesserungsmöglichkeiten gefragt, sich über die Ideenfindung beim Schreiben informiert, über das Publikationsverfahren oder über das Leben als Autor*in. Eine junge Frau sei immer wieder im WORTSTELLWERK aufgetaucht, weil sie das Gespräch mit einem Autor suchte, Geschriebenes hatte sie aber nie dabei.


Im Verlauf der Abende kamen immer mehr Schreibende, darunter auch Wiederkehrende, die in der Zwischenzeit NEESERS Ratschläge umgesetzt und am Text weitergearbeitet hatten.


NEESER liest ein Gedicht von einer Schreibenden vor, die leider nicht anwesend sein konnte, und fragt das Publikum nach dem Verständnis des Textes. Es werden vereinzelt Stichworte gerufen: Freundschaft, Familie, Liebe. Der Autor berichtet, dass das Gedicht für ihn keinen Sinn gemacht habe, als er es gelesen hat. Im Gespräch mit der Autorin habe sich deren Absicht geklärt und mit wenigen grammatischen Kniffs, wie zum Beispiel dem Wechsel von der Gegenwart in die Vergangenheit, habe sich das Gedicht zu einer Perle entpuppt, „Mit der Wortwahl und der Atmosphäre transportiert das Gedicht so viel Emotionalität, ohne diese zu behaupten.“ Das Publikum stimmt ihm nickend zu, als der Autor die neue Version vorliest.


Dann lesen zwei der anwesenden Autorinnen selber Ausschnitte aus ihren Texten vor. Yasemin sinniert in ihren lyrischen Kurztexten unter anderem darüber, dass in einer Nachbarschaft den Anwohner*innen das Alleinsein gemeinsam ist, über Verantwortungsbewusstsein und über Entsorgung der Sorgen auf den Müllhalden.


Solinda ist an einem Romanprojekt. Ihre Protagonistinnen sind Mädchen, deren Eltern aus fremden Kulturen“ stammen. Sie treffen sich auf dem Basketballfeld bei der Dreirosenbrücke, um sich auszutauschen; „eine multikulturelle Mädchengruppe in einer multikulturellen Stadt, die immer wieder mit der Andersheit ihrer Sprache und ihrer Hautfarbe konfrontiert werden.“


Sie habe sich als Jugendliche nie mit den Protagonistinnen und Protagonisten in den Jugendbüchern identifizieren können, da sie eine andere Hautfarbe habe als die meisten von ihnen. Und das sei ein Manko: Es gebe zu wenig Bücher für Jugendliche, die in einer Gesellschaft mit einer anderen Hautfarbe aufwachsen, die ganze Diskriminierungsthematik fehle in den Büchern, die Sorgen und die Wut der Protagonist*innen, die daraus hervorgingen.


Mit diesen und anderen Schreibenden wird ANDREAS NEESER in Zukunft im Rahmen einer Schreibwerkstatt weiterarbeiten. Die Schreibwerkstatt bietet ganztätiges und zweitätiges Schreibcoaching an. Die Ausschreibung folgt demnächst.


Ab dem 14. August begrüssen euch unsere neue Weichenwärterin SANDRA HUGHES. Die Autorin wechselt sich bis Juni 2020 mit dem Slam-Poeten und Kabarettisten DOMINIK MUHEIM, ab dem 21. August, ab.