12-06-2019

Seisch em Pascal en Gruess – Ich bin der Mann mit dem Messer – Kaffee verkehrt. 3 Filme für die Ohren im WORTSTELLWERK

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Potter

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Weisses Zimmer

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Am 7. Juni 2019 fand der 8-teilige Hörspiel-Workshop «FILME FÜR DIE OHREN» unter der Leitung des Autors Lukas Holliger im WORTSTELLWERK seinen krönenden Abschluss. Die drei Hörspiele «Der Gruss», «Merkwürdig» und «Haydn-Sonate 59 in Es-Dur, live aus dem Café Central, Wien» wurden vor vollem Haus uraufgeführt.

Eröffnet wurde der Abend von Schriftsteller und Hörspielprofi Lukas Holliger mit dem «Radio-Urknall». Es erklang der Anfang jenes legendären Live-Hörspiels von Orson Welles, War of the Worlds, das 1938 im Stil einer Live-Reportage ausgestrahlt wurde und durch die Behauptung, menschenfressende Ausserirdische hätten soeben die Erde angegriffen, an der US-Ostküste eine Massenpanik ausgelöst haben soll. Das Publikum im WORTSTELLWERK folgte gespannt der historischen Aufnahme dieses ersten wirkmächtigen Hörspiels aus der Zeit, in der das Radio das allerneuste Medium war, vergleichbar mit dem Internet vor 20 Jahren.


Die Kunstform Hörspiel aber, versichert Lukas Holliger, hat auch heute noch diese Kraft; die Kraft des Ohrs, das wir nie schliessen können und mit dem wir alles stärker aufnehmen als mit dem Auge.


Und was, wenn das Ohr ganz Ohr ist, aber rein gar nichts da ist? Das Workshop-Thema «Wahnsinn» hat die 9-köpfige Gruppe während eines Selbstversuchs im legendären schalltoten Raum des alten Radiostudios auf dem Basler Bruderholz gefunden. Kurz vor der Schliessung des alten SRF-Standorts war noch ein Besuch möglich. Nun, die Gruppe hat es nur gut 10 Minuten im absolut stillen Raum ausgehalten. «Noch länger, und ich werde wahnsinnig!» (Einige sollen schon die Beerdigungs-Kirchenglocken bimmeln gehört haben. Denn wenn nichts reinkommt durchs Ohr, spielt das Gehirn verrückt.)


Das Hörspiel «Der Gruss» von Adrian, Max und Niccolo beginnt mit einer Art Gongschlag, von Vogelgezwitscher aufgelöst. Dann folgen Gesprächsfetzen, raffiniert in Geräusche und Klänge einmontiert. «Wenn chunnt dä Pascal eigetlich?» und «Seisch em Pascal en Gruess!» – Nur: Woher kennt sie Pascal? Kennt sie ihn besser? Und warum weiss ich nicht, dass sie ihn kennt? – Und so dreht sich die Spirale der Vorstellungen weiter und weiter – bis in den Wahnsinn, wenn auch nur in den banalen Wahnsinn des Alltags: «Fuck! Fuck! Fuck!», grosses Gurgeln und – Vogelgezwitscher. Ein herrlicher Film für die Ohren; höchst amüsant.


Es folgt «Merkwürdig», ein Hörspiel von Carie, Leonie und Jodok: Musik, Glockenschlag, Schritte im Wald. Frauenstimme: «Mist. Es ist dunkel.» Telefonfreizeichen. Keiner geht ran. Und dann eine Angst. Und ein Einfall: «Ich bin der Mann mit dem Messer!» Und dann ruft Tom doch noch an: «Lena, wo bist du?» – «Ich bin der Mann mit dem Messer!» – Und dann trifft Lena diesen kleinen Frosch auf dem Trottinett, der so wahnsinnig schnell sprechen kann – Und dann die Auflösung: Eine Rahmenhandlung, Familie im Zug, Tunnel, Kinder, ein Bilderbuch. Merkwürdig! – Tolles Hörerlebnis. Klänge lassen Welten entstehen und wieder vergehen, minimalistische Dialoge und Gedanken. Äusserst gelungen.


Den Abschluss macht das Hörspiel von Liisa, Simon und Alexander: «Haydn-Sonate 59 in Es-Dur, live aus dem Café Central in Wien». Natürlich Kaffehausgeräusche und Pianotöne. Haydn. Stimmengemurmel. Und ein Grossvater, der dem Enkel Wien erklärt. In einer ellenlangen, virtuosen Improvisation. Kaffehauskultur erklärt. Ohne Pause. Kaffee erklärt: «Der Verlängerte. Willst du einen Verlängerten? Der kleine Braune! Oder hier, hier: Kaffee verkehrt! Willst du einen Kaffee verkehrt?» – «Ich will lieber ein Wasser.» – «Es isch ja au nüme de alti Dänk-Chaschte zwüsched mine Ohre.» – Ein grosser Spass, wie da ein Schnurri zur Haydn-Sonate Gesprächspartner und Zuhörer fast in den Wahnsinn treibt.


Applaus für die drei Hörspiele der jungen Erwachsenen, die an 8 bis 9 Kursabenden und vielen Zusatzstunden in Cafés entstanden sind. Und danke, Lukas Holliger.


HV