17-11-2020

Von der écriture automatique bis zur Food-Waste-Recherche mit Benjamin von Wyl

An drei Halbtagen mit den Schüler*innen der Klasse 1GL des Gymnasium Liestal lasen wir journalistische und antijournalistische Texte von Stefanie Sargnagel bis Claas Relotius, übten in den verlassenen Gleisfeldern im Dreispitz-Areal das Wahrnehmen, das Schnellschreiben und Fokussieren auf ein Thema – auch, wenn eine ausrangierte Verkehrsampel im Zentrum steht.

Nach einem ersten Morgen, der mit teils beeindruckend ausgearbeiteten Kurzreportagen über Ampeln und Zugwaggons endete, gingen die Schüler*innen mit dem Auftrag nach Hause, eine Glosse oder eine Reportage über etwas in ihrer direkten Umgebung zu schreiben, das sich im Zuge der Pandemie verändert hat. Zusätzlich stand es den Schüler*innen frei, mir weitere selbstgeschriebene literarische Texte zu schicken.

Aus Pandemiegründen blieb der erste Tag der einzige im Wortstellwerk und im Unterricht sind wir fortan drinnen geblieben. Die Reportagen und Glossen waren teils schon vor meinem ersten Feedback so ausgearbeitet, dass sie ohne Probleme im Baselbieter Gegenstück zum New Yorker hätten erscheinen können. Wenn es denn ein solches gäbe. Die Texte offenbarten, wie hellwach, diese Schüler*innen auf die Welt blicken – ob sie von ihrer Klavierstunde per Zoom erzählen oder sich für gesellschaftliche Schattenseiten wie sexuelle Belästigung oder Food Waste einlassen. Besonders war, wie sich die Texte nach den Rückmeldungen weiterentwickelt haben, wie bei so vielen das Engagement und der Willen da war, sich aufs Überarbeiten und damit auf die Mühen des Schreibens einzulassen.

Am zweiten Morgen beeindruckten mich zudem die (halb)fiktiven Rants, Gedichte und Charaktertableaus, die mir zwei Schülerinnen zusätzlich zum Arbeitsauftrag schickten. Während am zweiten Morgen Zeit war, um mit diesen beiden einzeln über ihre Texte zu sprechen, gab es am dritten Morgen den Rahmen, um neben den schriftlichen Feedbacks unter der Woche, mit allen auch über die einzelnen Texte zu schreiben.

Wäre die Pandemie nicht gewesen, hätten wir uns auch an einem zweiten Morgen zwischen Gewerbe, Tempel und Kunsthochschule im Dreispitz vertan, die Wahrnehmung noch stärker geschult. Doch auch im Schulzimmer, hinter Plexiglaswänden, entdeckten wir Welten zwischen Umweltrecherchen, Esoterikmessen und erfundenen Milizen an der Grenze zu Mexiko.Dabei erlebte ich auch die Lehrerin Deborah Nobs als extrem motivierend und unterstützend.

Nun bleibt mir nur die Hoffnung, dass möglichst viele der Schüler*innen weiterschreiben und der Welt so wach wie kritisch, so fair wie übermütig begegnen.

Einen Eindruck vermitteln die Texte der Schüler*innen Vera Bitterlin, Tara Kupier und Lea Wieser:



WSW_3_Wieser-Lea


WSW_1_Kuiper-Tara


WSW_2_Bitterlin-Vera


Text: Benjamin von Wyl